Chronik der Kgl. priv. Schützengesellschaft Fürth
I. Entstehung und Stellung der Schützengesellschaften. Es gibt in unserer Heimat einige Schützengesellschaften, die ihr Alter genau bezeichnen können. Die Fürther Privilegierte Schützengesellschaft ist zwar nicht so glücklich; doch weist ihr erstes Zeugnis, eine Schützenscheibe des Jahres 1684, auf eine alte Tradition; man wird kaum übertreiben, wenn man die Anfänge der Fürther Schützengesellschaft in der Zeit kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg, ja sogar in der Zeit vor dem großen Kriege sucht. Vielleicht ist sie aus einer Armbrustschützengesellschaft hervorgegangen. Die Ursprünge der Schützengilden des Mittelalters und der frühen Neuzeit lagen in der Freude am Schießsport und im Bedürfnis nach gleichgestimmter Gesellschaft. So konnte der Kardinal Luigi d' Aragona in seinem Reisebericht 1517 mitteilen: "Alle Männer (in Deutschland) tragen von klein auf Waffen, und jede Stadt und jedes Dorf hat seinen Schießplatz, wo man sich an Festtagen im Armbrust- und Büchsenschießen übt, wie in der Handhabung der Piken und jeder anderen Art Waffen, die bei ihnen im Gebrauch sind.") Er übertreibt und verallgemeinert dabei freilich, wie fast alle Schriftsteller, die auf schmalen Reisewegen das Material für breite Schilderungen sammeln ; aber daß im späten Mittelalter das Schützenwesen zu hoher Blüte kam und im 16. Jahrhundert bereits eine hochgeachtete Tradition entwickelte, ist nicht zu übersehen. Diese Tradition drückt sich nicht nur darin aus, daß der Schützenkönig während "seines" Jahres eine Ehrenkette tragen durfte, sondern auch in der Gewährung wertvoller Vorrechte an ihn; in manchen Orten durfte er während seines Königtums steuerfreies Bier brauen, anderswo war er von Hand- und Spanndiensten befreit, usw. Auch in der zunehmenden Pracht, mit der ihre Feste ausgestattet wurden, drückt sich der große Einfluß der Schützengilden auf das Öffentliche Leben aus. Allerdings geht damit eine deutlich spürbare Mitwirkung der Obrigkeit Hand in Hand: die Schützenordnungen, die genaue Vorschriften für das Verhalten während der Schießübungen (gelegentlich auch für das Verhalten im bürgerlichen Leben überhaupt) enthalten, werden von der Obrigkeit bestätigt. Fürsten und Städte förderten die Schützenorganisationen als Helfer, die für die wehrhafte Ausbildung der Bürger sorgten. Im Herzogtum Bayern z. B. wurde durch Mandate von 1656 und 1669 bestimmt, daß Bürger, die in Städten oder Märkten sich neu niederließen, dreimal im Sommer an einer Schießübung teilnahmen. Man kannte ja noch nicht die Wehrpflicht. Wie die Obrigkeit für das Schützenwesen sorgte, lehrt uns in hübscher Weise die Gründung der Schützengesellschaft in Roßtal. Dort erschien eines Tages auf der Durchreise der Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg-Ansbach. Der damalige Richter zu Roßtal, Johann Wilhelm Sartorius, wartete dem Fürsten mit einer Bürgermannschaft auf; er fand dabei Gelegenheit, vor seinem Herrn darüber zu klagen, daß die Einwohner des Fleckens und Amtes Roßtal nur schlecht mit Gewehren ausgestattet seien. Roßtal sei doch immerhin ein wichtiges Fraischamt, und darin müßten alle Bürger und Untertan mit gutem "Ober- und Untergewehr" versehen sein, sonst könnten sie ja nicht ihre Pflicht in Kriegsfällen oder bei sonstiger Aufwartung. Die Hochfürstliche Durchlaucht prüfte nun die Monturen und Gewehre der vor ihr aufgezogenen Roßtaler und offensichtlich kam sie zu dem Ergebnis, daß hier ein Mißstand herrsche. Die nächste Bitte des Richters Sartorius zeigte auch bereits an, wie man diesen Mißstand beheben wollte: die Roßtaler Bürger sollten, ähnlich wie die Langenzenner, jährlich einen Schießvorteil (d. h. einen Preis) erhalten, den der Markgraf durch ein Dekret bewilligte. Die Bürgerschaft sollte dann alljährlich ein Scheibenschießen veranstalten und sich auch sonst in stetem "exercitio" erhalten. Der Markgraf hat an Ort und Stelle dem Richter anbefohlen, nach Ansbach zu berichten, worauf dann ein markgräflicher Spezialbefehl folgte, der die Bürger und Untertanen ernstlich und bei Strafe dazu ermahnte, sich mit Ober- und Untergewehr und anderen notwendigen Gegenständen ohne Klage zu versehen. Dieses Dekret erging am 25. August 1701. Das Kastenamt Cadolzburg war damit angewiesen, der brandenburgischen Bürgerschaft in Roßtal jährlich fünf Gulden als Schießvorteil zur Verfügung zu stellen; das war die gleiche Summe, die auch den Langenzennern als Schießpreis diente. Bezeichnenderweise trägt die älteste uns noch erhaltene Fürther Schützenscheibe das Brandenburger Wappen, und ihr Stifter ist der Geleitsmann Seyfried, ein ansbachischer Beamter also. Vielleicht darf man daraus auf eine ähnliche Betreuung der Schützengilde durch den Fürther Geleitsamtmann schließen, wie sie in Roßtal durch den ansbachischen Richter geschah. Die Schützenordnung, die den Roßtalern auferlegt wurde, war reichlich streng, und wir müssen uns vorstellen, daß sich auch das Fürther Schützenleben in klar gezogenen Grenzen abspielte. Trotzdem aber überwogen die "Ergötzlichkeit" und die "Schützenlust" bei weitem den "Dienst". Die Schützenscheiben des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich uns erhalten haben, sind ein Zeugnis dafür. Einen rein privaten Charakter aber gewannen die Schützengesellschaften, als die bayerische Regierung am 9. Sept. 1808 nur denjenigen Schützengesellschaften noch "Schießvorteile" aus Staatsmitteln gewährte, die sich auf staatliche Gründung berufen konnten. Man hat nämlich "bürgerliche militärische Schützenkompanien" gebildet, die dann späterhin in "Landwehr-Schützen-Korps" umbenannt wurden; die Schützengilden aber sollten nun, nach "Einführung einer immer mehr taktischen Kriegführung und besseren Organisierung der Armeen" ihre "Teilnahme an der Verteidigung des Staates" einstellen und "lediglich zu ihrem eigenen Vergnügen" bestehen; daher konnten ihnen nun nicht mehr von Staatswegen Schießpreise gestiftet werden - die gingen ausschließlich der Landwehr zu. Die wichtigste Quelle, die uns über das Fürther Schützenwesen Aufschluß gibt, sind die Schützenscheiben und seit dem 19. Jahrhundert die Porträts der Schützenkönige. In zweiter Linie kommen archivalisches Material des Staatsarchivs Nürnberg und des Stadtarchivs Fürth in Betracht und die Aufzeichnungen bei den Fürther Chronisten Albig und Gruber. Am wichtigsten werden uns jene Schießscheiben erscheinen, die über die Geschichte der Schützenkompanie berichten. Da ist zunächst die zu nennen, die Gottfried Zapf, ein Fürther Kaufmann, 1773 gestiftet hat. Auf ihrer unteren Hälfte zeigt sie das alte Schießhaus und die Schießbahn. Das älteste Schießhaus, das wir kennen, ist von der Gemeinde Fürth 1721/22 (wohl an Stelle eines älteren) erbaut worden und zwar "auf dem Weid- und Schießanger, unterhalb des Fleckens an der Rednitz". Der Schießanger war ungefähr zwei Morgen groß und von einem Zaun umfangen 1724 wurde er mit Linden besetzt. Das Erdgeschoß des Schießhauses diente der Schützenkompanie. Im Obergeschoß fanden die Gemeindeversammlungen statt. Man bedurfte nämlich eines verhältnismäßig großen Raumes für die "ganze Gemeinde" . Zu ihr gehörten alle Einwohner, die einen ganzen Bauernhof, einen Dreiviertelhof (Paßgut) oder auch ein Köblersgut (=halbes Gut) besaßen. Seit 1697 durften die Einviertel Höfler sieben bis neun Vertreter in die Gemeinde entsenden; die Gemeindeversammlungen fanden zwar meist im Amtshaus der Domprobstei (Ecke Gustavstraße und Marktplatz) statt Der bambergische Amtmann führte den Vorsitz. Wenn aber die Gemeinde unter sich bleiben wollte und die Bürgermeister eine Angelegenheit zu besprechen wünschten, die dem domprobsteilichen Amtmann nicht angenehm war, oder in die er nicht allzu frühzeitig eingeweiht werden sollte, dann benutzte man den oberen Saal des Schießhauses als Versammlungsraum. Den Dachboden des Schießhauses vermietete die Gemeinde gelegentlich als "Tabakhänge". Die Namen und Berufe der Stifter unserer Schützenscheiben zeigen bereits an, daß der Charakter der Schützenkompanie von den Fürther "Honoratioren" bestimmt wurde. Daher ist auch das Verhältnis zur Gemeinde, von Ausnahmefällen abgesehen, gut. Um das Maß der Fürsorge vollzumachen, übergab die Gemeinde ihrer Schießkompanie am 11. August 1728 anläßlich eines "Freischießens" eine Fahne, für die man 50 Gulden aufgewandt hatte. Die Schützen hatten sie auf dem Schießhaus "in gute Gewahrsam" zu nehmen, damit man sie beim Freischießen und bei sonstigen Gelegenheiten jederzeit zur Hand habe. In der Folgezeit ist das Schießhaus mit dem Schießplatz wiederholt dargestellt worden; so 1776 auf einer Scheibe des Gottfried Zapf, dann das erneuerte 1868 auf einem wertvollen Bild, das Martin Braun an seinem Hochzeitstage der Schützengesellschaft gewidmet hat. Es zeigt uns das Schießhaus und den Schießplatz mit dem Vogel auf der Stange. Die Rednitz fließt im Vordergrund. Das "alte Schießhaus" war 1829 an die Stelle des Baues von 1721/22 getreten. Es ist heute das Haus Schießplatz Nr. 5. 1870 aber errichtete man das jetzige Haus (Schießplatz 11) auf gemeindlichem Grund und Boden. Dieses neue Gebäude zeigt sich uns auf einer Scheibe, die 1876 zum Andenken an das 100jährige Schützenfest von L. Dachlauer, St. Wolfram, G. Kübler und L. Winkler gestiftet wurde. Sie enthält die Darstellung eines Schützenzuges, vor dem der Schützenvogel hergetragen wird. Der Zug bewegt sich in langen Windungen zum neuen Schießhaus. Während des 1. Weltkrieges waren das Schießhaus und die Schießanlage unbrauchbar geworden. Die Schützengesellschaft hatte ihr Haus dem Volksküchenkomitee zur Verfügung gestellt und der Schießstand war der Jugendkompanie zu Schießübungen überlassen worden. Während der Kriegs- und Nachkriegszeit erlitt so der Besitz der Schützen vielerlei Zerstörungen, die Sandwälle der Schießanlagen waren eingeebnet worden; die Zäune, die um die Schießanlage gezogen waren, fielen Holzliebhabern zum Opfer. Die Schützen übten einige Zeit lang (von 1918 an) in der Schießstätte zu Zirndorf, seit 1920 in der Schießstätte Burgfarrnbach (die die Fürther erworben hatten). Im Frühjahr 1922 konnte dann nach vielerlei Arbeiten die Fürther Schießstätte wieder eröffnet werden: vom 5. bis 7. August 1922 fand das große Eröffnungsschießen statt; am 10. September 1922 wurde das erste Festvogelschießen in der neuen Schießanlage abgehalten.) Vom 10.-13. Mai 1923 veranstaltete die Priv. Schützengesellschaft ein großes Eröffnungsschießen, das von 300 Schützen aus ganz Deutschland besucht war. Dieses neue Schießhaus erhielt sein Andenken durch eine Scheibe, die Christian Winkler am 12. November 1922 stiftete (Maler. F. Rahnsen.). Auch auf der Ehrenscheibe 1953, gestiftet von Willi Oppelt, wird es gezeigt. Einige Scheiben befassen sich mit dem "inneren Leben" der Schützenkompanie. Unter ihnen ragt diejenige hervor, die der "obere
Müller" (auf der heutigen Wolfsgrubermühle) Michael Gottfried
Eckart am 25. Juli 1774 gestiftet hat. M. G. Eckart, geb. 1750, ein sehr
angesehener Bürger, später als "kgl. preußischer
Kommerzienrat" ausgezeichnet, war damals Schützenmeister. Die
Schützen brachten ihm und seiner jungen Frau (M. G. Eckart hatte 1772
geheiratet) am 1. Januar 1774 ein Neujahrsanschießen dar. Auf dem
Mühlhof stehen die Schützen mit ihren Gewehren, einer gibt das
Kommando "eins, zwei, drei halt", und schon sieht man das Feuer aus
den Büchsen blitzen. Neben dem von einer Schutzwand umgebenen Baum, der
die Mitte des Bildes beherrscht, stehen sechs Schützen mit Hörnern
und Trompeten, und ihr Lärm vereinigt sich mit dem Krachen der Gewehre.
Aus dem Mühlgebäude blickt das junge Ehepaar. Über der
Mühle schwebt ein Engel, der mit Hilfe seiner Posaune folgende Worte ins
neue Jahr hineinbläst: "Feuer, Lust und Leben, Dies Denkmal davon steht zu Ehr und Lust der
Schützen, Die Schießhaus"kirchweih", wie sie schon bei ihrer Gründung genannt wurde, gewann rasch eine feste Tradition. Im Jahr 1780 entstand allerdings Ärger mit der Gemeinde Fürth; sie klagte darüber, daß bei der Lustbarkeit dieses Jahres auch der Heilsbronner Jäger Nast sich mit einem Hirschen und einem Pferd eingefunden habe, um Vorführungen zu geben. Die Schützenkompanie habe ihm ohne Rücksprache mit dem Bürgermeisteramt einen Platz auf dem Schießanger zum Spielen angewiesen. Da es sich um nutzbare Weidefläche handelte, wandte sich das Bürgermeisteramt gegen diese "Anmaßung". sie bezeichnete dem Jäger Nast eine geeignetere Stelle. Aber die Schützen fügten sich nicht. Sie wandten sich an den damals hier anwesenden Geheimen Rat und Oberamtmann von Falkenhausen, der die Maßnahmen der Schützen guthieß. Die Schaubude erstand also nun doch auf dem Weideplatz und der Gemeinde blieb nichts weiter übrig, als bei der Regierung in Ansbach um vernünftigere Entscheidungen in der Zukunft zu bitten. Im übrigen wußte die Gemeinde Fürth die Schießhauskirchweih des Johannistages wohl zu schätzen. Man erlebte ja, wie durch dieses Fest viele Bewohner der umliegenden Dörfer herbeigelockt wurden; da blieb mancherlei Geld in Fürth hängen. Der Gemeindeschreiber Johann Fenzel drückt diese Überlegung ca. 1788 so aus: "... wie solches der hiesigen Bürgerschaft und Gemeinde umsomehr zum besonderen Ruhm und Ehre gereicht, als besagt löbliche Schützenkompanie sich angelegen sein lassen, sothane Frequenz durch Vermehrung der benachbarten Einladungen immer mehr und mehr in Flor und Aufnahme zu bringen." Im Jahr 1960 fiel die Schießhauskirchweih zum ersten Mal aus, (abgesehen von den Unterbrechungen, die die Kriegszeiten mit sich gebracht haben.) Die Schießscheibe von 1778, die der Kaufmann Gottfried Zapf gestiftet hat, ist eine reizende Illustration zu den Berichten der Chronikschreiber. Darstellungen des Schützenvogels bzw. Des Schützenzuges bieten Schützenscheiben des Jahres 1905, 1910 und 1939. Dieser Schützenzug, an dessen Spitze der Vogel getragen wird, ist zumindest seit 1776 üblich, wenn er auch nicht immer den Beifall der Stadtverwaltung fand. Am 21. Juni 1830, also im Blick auf die bevorstehende Schießhauskirchweih, beschwerte sich Bürgermeister Baeumen bitter darüber, daß das "Herumspielen von Haus zu Haus mit dem Vogel" allerlei Unzuträglichkeiten mit sich bringe. Man solle jetzt, bei Vollendung des neuen Schießhauses, für gediegene Ordnung sorgen - und im übrigen sei das "Herumspielen der Musikanten" künftig verboten; auch Schützenvogel, Scheiben und Gewinste dürften nicht mehr umhergetragen werden. Erst 1834 setzte die Schützengesellschaft durch, daß sie den Vogel unter Begleitung sämtlicher Mitglieder und einer Musikkapelle vor der Wohnung des Schützenmeisters und dann vor dem Haus des Schützenkönigs wieder zeigte; von da aus zog man zum Schießhaus. Eine Scheibe des Jahres 1794 führt auch die Freundschaft zu den.
Dambacher Schnepperschützen vor. Auf einer Schießscheibe, gestiftet
von dem Schützenkönig Jakob Bechert, ist das Schießhaus der
Schnepperschützen zu Dambach abgebildet. Die Szene wird von einigen
Schützengestalten belebt. Darunter sind zwei, die nicht mit dem Schnepper,
sondern mit dem Gewehr schießen. Der beigefügte Text
lautet: "Zu Dombach schießt man zwar Im weiteren Sinn können alle Schützenscheiben der Fürther Schützenkompanie als Geschichtsquellen gelten; denn sie zeigen zum mindesten an, wohin die Interessen der Schützen. Gerichtet waren, nach welchem Geschmack sie urteilten und welcher Aufwand ihnen möglich war oder nötig schien. Es ist daher reizvoll, auch diejenigen Schützenscheiben, die sich nicht nur mit dem Schützenwesen befassen, zu betrachten. Eine große Anzahl ist einem Fürther Motiv gewidmet; sie wollen wir zunächst betrachten. Da hat im Jahr 1774 ein Werbeoffizier eine Schützenscheibe hinterlassen, auf der er offenbar selbst erscheint Er sitzt an seinem Werbertisch, ein Soldat mit der Werbetrommel steht neben ihm und ein anderer Soldat führt soeben dem Werbeoffizier einen Zivilisten vor. Im Hintergrund stehen Zelte. Dieser Werbeoffizier hat sich anscheinend sehr lange in Fürth aufgehalten. Jedenfalls hatte er genügend viel Zeit, um sich der Schützenkompanie anzuschließen, so daß er sich ihr bei seinem Abschied aus Fürth freundschaftlich verbunden fühlte. Die etwas holprige Umschrift dieser Schützenscheibe heißt: "Da solle jedermann auch nach der Hand noch lesen können, daß zur Zeit, als ich hier in Fürth auf Werbung bin gewesen, mich zugleich ließ in das Buch der Schützenkompanie einschreiben, mithin zum Angedenk hab hinterlassen diese Scheiben. Den 21. Februar anno 1774." Die Schützenscheibe des Kaufmanns Gottfried Zapf (1745-18l8), die er 1773 stiftete, enthält außer einer Abbi1dung des Schießgeländes zwei Darstellungen, die einander gegenübergesetzt sind: das Jahr der Mißernte 1771, wo die Menschen auf dem Boden knien und mit erhobenen Händen um Regen flehen, und das Jahr 1772, in dem die Kornfelder wieder fröhlich wogen. Gottfried Zapf hat uns also das berüchtigte Hungerjahr 1771/72 im Bilde anschaulich hinterlassen.Aus dem Jahre 1774 ist uns eine Scheibe erhalten, die den Zusammenfluß der Pegnitz und Rednitz und ein Wasserschöpfrad wiedergibt Es handelt sich um eine Hochzeitsscheibe, die der domprobsteiliche Gerichtsschreiber Philipp Christoph Heidemann, der Sohn eines Bäckermeisters in Schwäbisch-Hall, anläßlich seiner Hochzeit mit Katharina Barbara, der zweiten Tochter des Apothekers Johann Jakob Barthel, gestiftet hat. Die Trauung fand am Abend des M. August) in der Wohnung des Apotheker's Barthel statt, im bescheidenen Kreis von sechs Personen. Auf der Hochzeitsscheibe steht der Spruch:
"Zieh deine Fesseln nur, o Liebe, Auf dem Obelisk ist die Aufschrift zu lesen: "Zum Andenken der hochlöblichen Schießkompanie Conrad Helmreich, Schützenkönig am 24. Juni 1788. "Der Übergang Fürths von der preußischen zur bayerischen Verwaltung spiegelt sich in einer Schützenscheibe, die der damalige Schützenkönig Pfister am 19. Mai 1807 gestiftet hat. Die Szene zeigt einen buntgekleideten Reiter auf einem Schimmel samt einem lanzen- und schnepperbeschwerten Begleiter. Den Hintergrund bildet eine Waldlandschaft. Der Stifter Setzte dazu den Text:"Froh fing unsre Lust unter Preußens König Wilhelm an, sie veredle sich unter Bayerns Maximilian." So hatte er es mit keiner der beiden Parteien verdorben und sich rasch auf die neue Regierung umgestellt.So eindrucksvoll wie die Teuerung von 1771/1772 ist auch das Notjahr 1816/17. Aus ganz Deutschland kennen wir Abbildungen und Berichte, die den Jammer bezeugen, den die schlechte Ernte von 1816 über die Menschen gebracht hat Zweifellos gehört die Schützenscheibe, die der damalige Schützenkönig Johann Georg Ziller am 1. Juni 1819 malen ließ, zu den bedeutendsten Erinnerungsstücken an die Hungerzeit, und sie ist zugleich eine der schönsten Schützenscheiben, die es in Franken und Bayern gibt. In der Mitte der ovalen Scheibe prangt der geschmückte Erntewagen, vor ihm spielt sich der Erntedankzug ab. Die Geistlichen ziehen an seiner Spitze, eine Kapelle bläst fröhliche Musik, Honoratioren, Ehrenjungfrauen mit Garben und Sichel, Burschen mit Gabeln und Garben beleben das reizende Bild. Im Hintergrund sieht man das Lochnerische Gartenhaus (heute Theaterstraße 33) im freien Felde stehen. Drei Schützen begleiten das Fest mit lauten Schüssen. Der Text, den der Stifter beigefügt hat, lautet: "Feierliche Einführung der ersten Kornfrucht in der Stadt Fürth am 18. Julius 1817. Diese Scheibe widmet zum Andenken einer löblichen Schützengesellschaft der der damalige Schützenkönig Johann Georg Ziller, Fürth, den 1. Junius 1819."Leider kennen wir den Maler dieses hervorragend schönen Stückes nicht. Der Stifter aber, ein junger Bäckermeister, der im heutigen Hause Mohrenstraße 33 wohnte, verdient für seinen guten Geschmack noch heute unser uneingeschränktes Lob. Schützenkönig wurde er bereits mit 18 Jahren und wenn er nicht als 25 jähriger (am 27. Mai 1826) bereits gestorben wäre - vielleicht hätte er noch manche sinnreiche und geschmackvolle Scheibe gestiftet. Unsere Dankbarkeit verdienen auch die Scheiben von Schützenkönig Josef Schwarz (1954), von Schützenkönig Hans List (1956), von Werner Krauß (1957) und Schützenkönig Paul Lämmermann (1959), die durch die Darstellung zeitgenössischer Ereignisse Dokumente für die Zukunft schufen; ihre Scheiben zeigen den Grünen Markt mit der Michaelskirche, einen Blick in die Mühlgasse, den Eingang zum Kirchenplatz von der Gustavstraße her und den Wiederaufbau Fürths nach dem 2. Weltkrieg. Solche Scheiben haben für die Zukunft Quellenwert. Viele Scheiben wenden sich der allgemeinen deutschen und
europäischen Geschichte zu. Der Beschauer erkennt daraus, mit welcher
leidenschaftlichen Anteilnahme die Ereignisse in der Welt verfolgt wurden. Man
kümmerte sich sehr wohl darum, "was weit hinten in der
Türkei" geschah, allerdings besonders dann, wenn man von den
Ereignissen spürbar berührt wurde.Die zweitälteste Scheibe, die
von 1687, von I. B. L. gestiftet, läßt auf der Weltkugel drei
Gestalten ssehen. Der Mann auf der linke Seite ist an seinem Säbel sofort
als Türke erkennbar und während er den Halbmond in der Linken
emporhebt, wird er von der mittleren Gestalt von der Weltkugel geschoben. In
der Umschrift lesen wir:"1687. Durch Gottes und des Kaisers Siegen der
Türken Macht muß unterliegen." Die Türkenkämpfe waren
seit 1683 neu entbrannt. Im gleichen Jahr war Wien belagert worden, 1687 wurde
Siebenbürgen besetzt. Auf diese Ereignisse bezieht sich unsere
zweitälteste Schützenscheibe. Das Monogramm des Stifters konnte
leider bisher nicht gedeutet werden.Erst rund 100 Jahre später
stoßen wir wieder auf eine Scheibe, die der großen Geschichte
gewidmet ist. Der Schützenkaiser Gottfried Zapf widmete sie "den
Herren Schützen mm Vergnügen" am 31. Dezember 1777. Sie ist in
vier Teile gegliedert, deren jeder eine Verszeile enthält und jede
Verszei1e wird von einem Bild begleitet. "Wer hat es vor ein Jahr gedacht, Auch die Entscheidungsschlacht, die Napoleons Ende besiegelte, fand ihr Denkmal: Zur Erinnerung an die Schlacht von Belle Alliance (Waterloo, 18. Juni 1815) stiftete der Schützenkönig und Schützenmeister Friedrich Wilhelm Tschirner die Scheibe des Jahres 1816. Die Szene zeigt das Schlachfteld, ein junger Offizier umarmt einen älteren Soldaten, eine zerrissene weiß-b1aue Fahne beweist den Anteil der Bayern an dem harten Kampf.Vorn tiefem staatspolitischen Verständnis zeugt eine rechteckige Scheibe, die der Schützenkönig I. E. Schwarz am 3. April 1820 einer "löblichen Schützengesellschaft" widmete. Der Text: "Eröffnung der 1. Ständeversammlung des Königreichs Bayern den 4. Februar 1819" erläutert dieses künstlerische Bild. Es stellt den Versammlungsraum dar mit den Angehörigen der Ständeversammlung im Erdgeschoß des Saales und auf der Galerie; vor dem König leistet ein Angehöriger der Ständeversammlung den Eid. Einige Jahre später entzünden sich die Gemüter am Kampf um die Freiheit Griechenlands. 1821 erhoben sich die Griechen, um die türkische Herrschaft zu brechen. Am 1. Januar 1822 wurde die Unabhängigkeit des hellenischen Volkes verkündet. Ganz Europa begeisterte sich für diesen Freiheitskrieg. Viele Freiwillige (unter ihnen der englische Dichter Lord Byron) schlossen sich den griechischen Freiheitskämpfern an; wie dieses Ereignis die Gemüter bewegte, dafür ist die Schützenscheibe des Johann Eckel (29. April 1829) ein hübsches Zeugnis. Auf der linken Bildhälfte zeigt sie berittene Türken, auf der anderen Hälfte die sogenannte Heilige Schar mit ihren Feldzeichen.Und noch ein zweites Beispiel der Griechenbegeisterung beherbergt das Schießhaus. Der Schützenkönig und Schützenmeister Johann Konrad Haber stiftete am 26. Mai 1832 eine Scheibe, die der "Vernichtung der türkischen Flotte vor Chios in der Nacht des 18. Juni 1822" gewidmet ist. Das Ereignis wird als "die kühnste Tat der neuen Geschichte'' gefeiert, "wo die Griechen unter österreichischer Flagge anfuhren und durch Brand sie verheerten, wo selbst der Kapudan Pascha an vielen Verletzungen das Leben verlor". Das Bild zeigt uns eine entsprechende Szene mit brennenden Schiffen und dem sterbenden Pascha.Einige Schützenscheiben der folgenden Jahre, soweit sie geschichtliche Ereignisse als Vorwurf wählen, bevorzugen Erinnerungsbilder: Karl der Große wird im vollen Krönungsornat dargestellt, wie Kaiser Otto III. ihn im Jahre 1000 in der Gruft zu Aachen besucht, (nach dem Gemälde von Wilhelm von Kaulbach im Ger-manischen Nationalmuseum). Die Mongolenschlacht bei Liegnitz und die Erfindung des Schießpulvers dienten zur Illustration der Scheiben. Daß auch die Tellsage auf einigen Schützenscheiben auf- tritt (1789, 1929, 1934), ist begreiflich. (Ebenso nahe liegt es, daß Jagdszenen mit dem Hirsch, dem Rehbock, dem Fuchs, dem Birkhahn, dem Auerhahn und der Wildente eine hervorragende Rolle spielen).Erst am Anfang des 20. Jahrhunderts kehrte man wieder zu der schönen Gewohnheit zurück, zeitgenössische Motive zu wäh1en. Paul Öttinger ließ den Grafen Zeppelin porträtieren, Hans Wörner zeigte eine Szene aus dem I. Weltkrieg mit dem Untergang eines Kriegsschiffes, Oskar Goldscheider feierte den I. Amerikaflug des deutschen LZ 126 und den begeisterten Emnpfang in New-York (1924), Stephan Scheidig schilderte die letzte Deutschlandfahrt des ZR III am 26. September 1924. Karl Fischer mahnt an Südtirol 1927 Georg Decker erinnert an die Ozeanüberquerung durch Hauptmann Köhl und seine Freunde am 12. April 1928, Andreas Werner ließ auf der Erdkugel die Flugroute der ersten Weltfahrt der "Graf Zeppelin" 1929 wiedergeben und im gleichen Jahr stiftete Fritz Petermann eine Ehrenscheibe, die dem Schiff Bremen gewidmet war; es hatte auf seiner ersten Fahrt von Deutschland nach Amerika im Juli I929 das "Blaue Band des Ozeans" erobert.VI. Schützenscheiben mit Berufsmotiven Eine kleine, aber recht interessante Gruppe, die seltsamerweise nur im 18. Jahrhundert auftritt, schließt sich an die Berufe der Stifter an. Da ist zunächst eine Scheibe von 1720, die Hippokrates und Galenus, die großen antiken Arztvorbilder, zeigt. Als Wahlspruch ist beigefügt "Ars longa, vita brevis" (Die Kunst ist lang, kurz ist das Leben). Zwei Monogramme N.H.Z. und B.Z. verraten, daß es sich um eine Hochzeitsscheibe handelt. Das Bildmotiv deutet auf einen Arzt: Nicolaus Hieronymus Zimmermann, Licentiat der Medizin, ein Sohn des Pfarrers Georg Caspar Zimmermann in Eschenau, heiratete am 13. Oktober 1720 die Fürther Bäckerstochter Barbara Hezelein. Als nächste Scheibe mit Berufsmotiven ist uns die des Georg Christoph Larch (1722) erhalten; sie trägt die Embleme des Zimmermann-, Schnitzer- und Steinmetzhandwerks. Besonders eindrucksvoll erscheint eine Hochzeitsscheibe, die mit den Buchstaben K.H. und P.C.H. 1736 gekennzeichnet ist Das Motiv der Scheibe deutet bereits an, welchem Beruf der Bräutigam nachging. In barocker Ausführlichkeit wird uns eine Färberwerkstatt vorgeführt. Man erkennt leicht 1.
den Rollkasten (auch die Mange genannt), der sich auf den Walzen
bewegt, Auf dem Rollkasten steht geschrieben: "Die Färber seyn wacker, / die Mang ist ihr
Acker, Ihr
entspricht eine Hochzeitsscheibe vom 1. September 1738, die den Lagerraum des
Salz- und Eisenhändlers J(ohann) F(ranz) anläßlich seiner
Hochzeit mit A(nna) B(arbara) A(ngerer) darstellt. Ganz besonders reizvoll sind jene Scheiben, die sich auf galanten
Bahnen befinden. Es ist bezeichnend, daß bereits die älteste
Scheibe, die die Schützengesellschaft aufbewahrt, dieser Gruppe
angehört. Sie ist eine Hochzeitsscheibe mit den Buchstaben M.B.R. und
G.P.S.(l684). Hier bewegt sich die Welt des Barocks in ihrer breiten
Lebensfreude. Das Brautpaar sitzt unter einem früchtetragenden Baum, die
Dame hält in der rechten Hand ein Herz, in das ein Zweig (vielleicht
Rosmarin) gesteckt ist, darüber sitzen zwei Tauben, die wohl Unschuld und
Sanftmut ausdrücken sollen, Die Linke hält das Brandenburger Wappen,
das von einem Lorbeerkranz umschlossen wird. Auf den Zweigen des Baumes ruht
ein Zweizeiler: "Ein jeder liebt, was ihm gefällt,
Ein reizvolles Zeugnis barocker Kultur! Die Scheibe entstand aus Anlaß der Hochzeit des Hochfürstlich Brandenburg-Onolzbachischen Geleitsmanns Georg Benignus Seyfried mit Maria Barbara Rösel, der Tochter eines Bürgers und Handelsmannes in Ansbach. So weist diese älteste uns erhalten gebliebene Scheibe bereits auf den Schutzherrn der Fürther Schützenkompanie hin: auf den Markgrafen von Ansbach. Als Frau Maria Barbara Seyfried am 8. Mai 1713 (48-jährig) begraben wurde, hatte es ihr Mann inzwischen zum Hochfürstl. Brandenburg-Onolzbachischen Geheimen und Hofrat gebracht. Seyfried selbst ist zwischen 1715 und 1720 gestorben. Auf einer Hochzeitsscheibe von 1724 gießt eine Göttin Balsam in ein brennendes Herz, das zudem noch von einem Pfeil durchbohrt ist ; Amor, der ihn soeben abgeschossen hat, steht daneben. Unter dem Herzen ist ein Gefäß mit Früchten und - vermutlich aromatischen - Pflanzen gefüllt Der beigefügte Spruch wünscht in einem holprigen Italienisch der "süßen Liebesflamme" Balsam. Auch eine Schützenscheibe des Jahres 1772 stellt uns eine Dame
vor, die sich nicht scheut, ihr brennendes Herz zu zeigen. Cupido hat wieder
die Hand im Spiel und die Dame fordert ihn auf . "Copito du kleiner Knab, Als Stifter bezeichnet sich ein I.M.E. ; wir dürfen wohl auf den Besitzer der unteren Mühle, Johann Michael Eckart, schließen. Galantes Leben weht uns auch aus zwei Schützenscheiben des
Jahres 1774 an, des scheibenreichsten Jahres der Schützenkompanie. Die
erste ist rechteckig gestaltet. Drei Damen interessieren sich sowohl für
Amor wie für drei Schützen, die sich in zeit- und
schützengerechter Tracht im Schießstand aufhalten. Amor schläft
auf einer Liege. Ein Schriftband über dem Sofa enthält den von den
Damen gesprochenen Text: "Freunde, treft den Bolster (=das Polster)
nicht, Unterhalb des Bildes aber stehen die
männlichen Verse : "Ihr Mädchen, lasset doch den Kleinen Amor
schlafen, Die andere, eine kreisrunde Scheibe des Jahres 1774, haben wir bereits als eine "heimatkundliche" kennengelernt ; es ist diejenige, auf der Philipp Christoph Heidemann seiner Hochzeit gedenkt, indem er in der Mitte der Scheibe einen Sockel aufrichten ließ, auf dem zwei Herzen in nicht geringem Feuer lodern. Am 22. Juni 1778 wurden im Brandenburgischen Haus (wo heute das Rathaus steht) der Müller der unteren Mühle Johann Michael Eckart und die Wirtstochter Anna Margareta Sudermann getraut. Auch sie stifteten eine Hochzeitsscheibe. In der Höhe schwebt ein Engel, der mit Hilfe einer Kette die zwei Herzen umschließt. Darunter, ebenfalls durch die Kette greifend, strecken sich zwei Hände einander entgegen. Auf einem Sockel brennen wieder zwei unauslöschliche Herzen. Links davon plätschert die Pegnitz, über die sich eine Holzbrücke legt rechts vom Sockel sieht man die Mühle. Zwei Schützen zielen auf ein Lamm. Das Wappen zeigt den brandenburgischen Adler auf goldenem Grund. Der Text, der die festliche Scheibe begleitet, lautet so:
Hier brennen zwei Herzen in Liebesflammen, In
diese Reihe gehört auch die Scheibe, die der Huf- und Waffenschmied Johann
Melchior Bollmann, der Schützenkönig von 1789, malen ließ. Mit
den Gestalten, die wir auf ihr sehen, waren wohl Vulkan und zwei Gehilfen samt
Venus und Amor gemeint. In einem recht mühsam zurechtgeschmiedeten Gedicht
freut sich Johann Melchior Bollmann seines günstigen Schicksals: "Was
kann aus einem Schmiede werden? Das
schönste Weib auf dieser Erden, "Des Lebens schönerer Gewinn ist echter Freundschaft
Band; Die
Sammlung der Fürther Schützenscheiben wird abgerundet durch eine
kleine Gruppe, die man als die philosophisch-nachdenkliche bezeichnen
könnte. Sie regt an, über die Vergänglichkeit des menschlichen
Lebens nachzudenken und sich dessen zu trösten, was es nun einmal auf
dieser Welt hier gibt Die wesentlichen Scheiben dieser Art gehören
bezeichnender Weise der Zeit zwischen 1770 und 1815 an.Eine entzückende
mittelgroße kreisrunde Scheibe von 1773 trägt die Erdkugel mit vier
Gestalten; oben eine Dame, die das Monogramm I. B. in ihrer Linken hält
Ihr gegenüber ein Reiter mit Peitsche. Zur Rechten der Tod mit Sense, ihm
gegenüber wiederum auf der linken Seite der Weltkugel ein Reiter mit Horn.
Links um die Figuren ist ein Spruchband geführt, mit der Drohung des
Todes: "Minerva mit dem Wappenschild Der Schützenkönig Georg Michael Nähr hat entweder am 25. Juli 1793 oder 95 eine Scheibe mit einer Säule gestiftet, die die Aufschrift trägt: "Der Herr wird sein Volk segnen mit Frieden". Drei Genien beleben die Szene. Das Schriftwort ist vermutlich als Trost in den Zeiten internationaler Erregung über die Ereignisse in Frankreich gedacht. Man könnte diese Scheibe auch denen zuordnen, die sich mit den Ereignissen der Weltgeschichte befassen. Einen hübschen Trost spendet uns der Schützenkönig
Erhard Winter am 18. Juli 1796. Die Scheibe, die er stiftete, bildet im
Hintergrund drei Fürther Barockhäuser ab und ein Gartenhäuschen;
vermutlich ist die Darstellung nach der Wirklichkeit gestaltet; im Vordergrund
befinden sich zwei Damen, von denen die eine ein Kruzifix, die andere einen
Anker in der Rechten hält. Der Todesengel mit der Sense in der Hand bewegt
sich in ihrer Nähe. "Die Zeit, die lehret uns, Über die zwei schwebenden Genien auf einer Schützenscheibe
von 1805 hinweg wenden wir uns dann einer Stiftung des Schützenkönigs
Johann Adam Förster vom 30. 8. 1807 zu, der uns
erinnert: "Klugheit, Pflegerin der Künste, Und als letzte Scheibe dieser Art können wir noch die von 1813 betrachten, auf da, in einem Park eine Szene mit männlichen und weiblichen gestalten dargestellt ist, unter denen sich wohl ein Student, ein Kadett, ein Musiker befinden, links steht ein Haus, aus einem Fenster zielt ein junger Mann. Der Schützenkönig Johann Lechner stiftete diese Scheibe am 17. Juni 1813. In der folgenden Übersicht sind die älteren Schützenscheiben in chronologischer Folge aufgezählt; eine knappe Bemerkung über den Inhalt soll dem Leser ermöglichen, den Wandel der Motive zu verfolgen. 1687 Kampf gegen die Türken. 1720 X 13 Hochzeitsscheibe des Arztes N. H. Zimmermann, Galenus und Hippokrates. 1722 Gg. Chr. Larch, Zimmerer- und Steinmetzenembleme. 1724 Hochzeitsscheibe I.S.V. und M.M.B., Liebesgöttin und Amor. 1736 VII 23 Hochzeitsscheibe des Schwarz- und Schönfarbers P. C. Höfler, Färberwerkstätte. 1738 IX 1 Hochzeitsscheibe des Salz- und Eisenhändlers Joh. Franz, Salz- und Eisenhandlung. 1772 Untermüller I. M. E. (Eckart), Dame mit brennendem Herzen in der Hand. 1773 Erdenrund und Sensenmann. 1773 Gottfried Zapf, Hungerjahr 1771/72 und Schießstätte. 1774 11 21 Soldatenwerber. 1774 VII 25 Obermüller M. Gg. Eckart, Neujahrsanschießen. 1774 VIII 23 Hochzeitsscheibe des Gerichtsschreibers J. B. C. Heidemann, Schießstand; Zusammenfluß Rednitz und Pegnitz mit Wasserschöpfrad. 1774 Rechteckige Scheibe, Damen zwischen Amor u. Schießstand. 1776 Gottfried Zapf, Schießhauskirchweih. 1777 XII 31 Geschichtsszenen. 1778 VI22 Hochzeitsscheibe des Untermüllers J. M. Eckart, brennende Herzen und Mühle. 1778 X 28 Hochzeitsscheibe des Lehrers Gottfried Adam Kirchner, Armen- und Waisenschule. 1785 V 22 Der Grieche Pauli und seine Angebetete, brennende Herzen. 1788 VI 24 Konrad Helmreich, Vogelsteller-Jagdszene. 1789 Hut- und Waffenschmied M. Bollmann, Vulkan, Venus und Amor. 1793 (95 ?) VII 25 Gg. Michael Nähr, "Der Herr wird sein Volksegnen mit Frieden." 1794 Das Dambacher Schießhaus. 1796 VII 18 Fürther Häuser und philosophische Belehrung durch den Todesengel. 1798 VIII 19 Tellszene. 1803 "Die Zeit rettet . . .'', symbolische Gestalten. 1805 Aus dem Himmel schwebende Genien. 1806 Graf Pückler-Limpurg, Erfindung des Schießpulvers. 1807 V 11 Ulrich Pfister, Jagdszene und Hinweis auf Übergang Fürths von Preußen auf Bayern. 1807 VIII 30 Joh. Adam Förster, Jüngling von philosophischer Symbolik umgeben. 1813 VI 17 Johann Lechner, Der Jugend Hoffnungsland. 1814 Joh. Paulus Zertahelly, Einzug der verbündeten Heere in Paris am 31. 3. 1814. 1815 VI 18 Ludwig Haas, Der Wiener Kongreß. 1816 VI 18 Wilhelm Tschirner, Erinnerung an die Schlacht bei Belle Alliance 18. Juni 1815. 18l9 VI 1 Johann Gg. Ziller, Einführung der ersten Kornfrucht am 18. Juli 1817. 1820 IV 3 1. C. Schwarz, Eröffnung der ersten Ständeversammlung 4. Februar 1819. 1822 IV 29 Die Heilige Schar kämpft für Griechenland. 1823 V 26 Haber, Höfler, Schmelz, Die Vernichtung der türkischen Flotte vor Chios am 28. Juni 1822. 1837 VII l0 Hochzeitsscheibe Johann Ebert, Parklandschaft und flammende Herzen. 1847 IX 6 Hochzeitsscheibe N. G. Dengler, Brautleute und Amor. 1864 IX 4/5 Wacht am Rhein? 1867 X 20 Karl der Große, als er im Jahr 1000 von Kaiser Otto III. in der Gruft des Aachener Doms aufgesucht wird. 1868 Hochzeitsscheibe Martin Braun, Schießhaus und Schießplatz. 1876 100 jähriges Jubiläum der Schießhauskirchweih. 1877 Thomas Völk, Mongolenschlacht 1893 Trauerscheibe für Wilhelm Evora, das 1870 erbaute neue Schießhaus. 1894 VI 3 Scheibe nach oberbayerischem Geschmack. 1896 Dr. H. Fronmüller, Hirsch. 1901 III 12 L. Böttinger u. G. Neidhardt, Bavaria von zwei Schützen begrüßt. 1901 St. Wolfram, Prinzregent Luitpolds 80. Geburtstag. l902 V 12 Engel hält Lorbeerkranz, in dem der Zentaurenbrunnen abgebildet ist. 1903 Konrad Gieß, Schlachtenszene Königgrätz. 1905 V7/8 Darstellung des Schützenvogels. 1909 VIII 15/16 Paul Öttinger, Zeppelin-Luftschiff. 1909 Karl Fischer, Verfolgung eines Reiters. 1910 III 12 Schützenzug auf dem Grünen Markt. 1911 Paul Winkler, Prinzregent Luitpold, dahinter die Fassade des Schießhauses. 1914 VI 28 H. Polensky, Fußballfeld der Spielvereinigung. Die Scheiben, die dem Amor und seinen Begleiterscheinungen gewidmet sind, beherrschen das Feld von 1684 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Das - trotz der Romantik - nüchterne 19. Jahrhundert begnügte sich mit zwei schüchtemen Ansätzen, in Amors Reich wieder einzudringen. Ihnen fehlt die Beschwingtheit und Ehrlichkeit der barocken Bilder. Das 20. Jahrhundert mit seiner Scheu, sich in die Karten schauen zu lassen und - wenn auch nur persönliche - Bekenntnisse abzulegen, ist für so lebensfrohe und augenzwinkernde Bilder nicht geeignet, wie sie uns, z. T. in beachtlicher künstlerischer Qualität, das 18. Jahrhundert beschert hat. Die barocken Schützen, individuell und selbstbewußt wie ihre anderen Zeitgenossen, scheuen sich auch nicht, ihren Beruf als Bildmotiv zu wählen; dem 19. und 20. Jahrhundert, die sich gern in der Pose taktvoller Zurückhaltung zeigen, liegt eine solche Zurschaustellung persönlichen Lebens fern. Um 1800 gibt man sich gerne philosophischen Betrachtungen hin, auch auf den Schützenscheiben. Die 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts widmet sich mehr als das 18. Jahrhundert den geschichtlichen Darstellungen. Man lebt ja in der Zeit großer Begeisterungen: für und gegen Napoleon, für die Befreiung Griechenlands, für eine (erhoffte) freiheitbringende Verfassung. Eine willkommene Bereicherung bedeuten diejenigen Scheiben, die das Schützenwesen selbst schildern. Seit 1773 begegnen uns diese Motive; sie treten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur vereinzelt auf; dann aber folgen sie einander in engerem Abstand und wir dürfen den Stiftern dieser Scheiben Dank sagen: die von ihnen gewählten Motive sind instruktiver als ein langer Chronikbericht. Die
Fürther Schützenscheiben sind ein unbezahlbar wertvoller Schatz nicht
nur der Schützengesellschaft, sondern unserer Stadt überhaupt,
darüber hinaus aber sind sie eine unerschöpfliche Fundgrube für
den Kulturhistoriker, eine Quelle reinen Genusses für den Betrachter des
sich wandelnden Kunst- und Zeitgeschmacks, ein ergiebiges Forschungsfeld
für den Volkskundler. Von einigen Schützenscheiben läßt
sich sogar sagen, daß sie hohen künstlerischen Wert haben. Die
Schützengesellschaft darf stolz darauf sein, eine der wertvollsten
Schützenscheiben-Galerien Frankens, ja Bayerns zu
besitzen. |